Im Besenwagen rund um Berlin

von CARL CHRISTIAN JANCKE

Eine illustre Gesellschaft fand sich da bei der 13. AvD Rallye rund um Berlin auf den Rückbänken des AvD-Bullys zusammen und ließ sich die Laune vom Versagen der eigenen Technik nicht verderben. So hatten die 34 PS mit fünf gewichtigen Fachmännern aus der Klassikerszene zu kämpfen, die von einem attraktiveren Teammitglied begleitet wurden.  Doch nun von Anfang an: Los ging es nämlich vor dem deutschen Bundestag.

 

 

 

Dr. Wolfgang Schäuble und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Carsten Müller sei Dank. Wegen der  Genehmigung durch den Bundestagspräsidenten durften die historischen Mobile auf der Paul Löbe Allee vor dem Reichstag an den Start gehen. Eine unvergleichliche Kulisse, die den Beteiligten in Erinnerung bleibt. Entlang des Paul-Löbe Haus ging es schnell auf die Straße des 17. Juni und so bei strahlend blauen Himmel aus Berlin heraus auf die Landstraßen zwischen den Rapsfeldern in Brandenburgs Westen.

 

Die neue Entdeckung der Langsamkeit

 

 

Drehmoment war mit diesem 34 PS starken VW Bus aus den Beständen des Automobilclubs von Deutschland (AvD), der sich allerdings viel stärker anfühlte und auch mit fünf Passagieren noch vom Fleck kam. Natürlich sind von dem Hecktriebler mit luftgekühlten Vierzylinder keine Beschleunigungsorgien zu erwarten und auch für Tempo 100 braucht man ordentlichen Anlauf. Das schnellste ist ohnehin die Unterschrift von Walter Röhrl auf dem Armaturenbrett. Das Auto bietet aber Gelegenheit zum Gruppenerlebnis. Leider blieben die von den Sponsoren GTÜ und Total gestellten Fahrzeuge (ebenfalls ein VW Bus und ein Citroen 2CVliegen, so dass wir die Besatzungen in unserem Bus aufnehmen konnten. In der Folge hatten wir einen lustigen Tag, der ein wenig melancholisch endete, als wir uns unwiderruflich dem Ziel näherten. Gemeinsam pfiffen wir “Ein Freund, ein guter Freund, das ist das beste, was es gibt auf der Welt” aus dem Film “Die Drei von der Tankstelle”. Unsere Art, dem Wirtschaftswundermobil für treue Dienste zu danken. Auch wenn es sich um einen US-Import mit Meilentacho handelte, der das Einhalten der Tempo 30 Zonen leicht machte.

 

Vom Lada bis zum G-Modell

 

 

Die spannende Vielfalt der teilnehmenden Fahrzeuge gibt die eben auch die erfreuliche Unterschiedlichkeit der Liebhaber und Fahrer wieder. Die Monokultur von Porsche 911 und Mercedes SL ist erfreulicherweise eben einem bunten Bild gewichen, das die automobile Historie wiedergibt.

Der älteste Teilnehmer im Feld war ein Ford Model A Cabrio von 1930, das daran erinnerte, dass einst Henry Ford mit dem Fließband in den USA dem Automobil als Massenfortbewegungsmittel zum Durchbruch verhalf. Ein wunderschönes BMW 327 Cabrio von 1939 wurde umrahmt von zwei zeitgenössischen  Mercedes-Benz Cabrios (230 Cabrio von 1936 und 170 V von 1939). Ein Ford US-Militärjeep erinnerte gerade vor der Kulisse des Reichstages an das Patronat der Alliierten gegenüber Berlin und ein 300d Adenauer vor der Kulisse des Kanzleramts ließ vielleicht daran denken, dass die deutsche Geschichte ohne die Westbindung der Bundesrepublik eine andere Geschichte genommen hätte. Und daran war Konrad Adenauer schuld, der auf dem Heck des 300 seine Amtsgeschäfte als erster Bundeskanzler führte.

Auch ein 1960iger Wolga M21 und ein 1985iger LADA VAZ 2107 erinnerten an die Geschichte der Region, durch die man reiste. Ein einziger VW Golf 1 GLS (19789 vertrat den Ursprung des mittlerweile meist verkauften Autos der Republik, das mittlerweile auf der Liste der bestplatziertesten Wagen mit H-Kennzeichen in Richtung des absoluten Spitzenreiters, des VW Käfer, wandert. Der war mit zwei Exemplaren auf der Teilnehmerliste fast schon unterrepräsentiert (Faltdach 1961,1200 1974). Immerhin war auch noch ein ehemaliger Bundeswehr 181 auf Käfer-Basis als olivgrünes Cabrio mit unterwegs.

Das neben den drei Bullys auch ein 1981iger Ford Transit aus den Beständen des hessischen Katastropenschutzes dabei war, weckte bei vielen Teinehmern und Zuschauern Erinnerungen. Ein 250 G von 1985 war im Starterfeld ebenso eine Seltenheit wie zwei R107 SL (300 SL von 1988 und 500 SL von 1981). Ein BMW 325i (E30) wäre noch vor 10 Jahren eine adäquate Ghetto-Mobilisierung in Neukölln und Wedding gewesen. Das hier gesehene Modell blieb jungfräulich und vom GfK und Blastern verschont. Eine Augenweide, wie das Mercedes 200 E Cabrio oder der jüngste Teilnehmer, ein Porsche 944 von 1990. Die Piloten aller anderen Pretiosen verzeihen mir, dass nicht jedes Auto zu sehen und besprochen ist.

Rasten ohne zu rosten.

 

 

Ob am Golfplatz zum Kaffee trinken und Kuchen Essen, an der Total-Tanke  zum stilechten Croissant und Coffee to go auch für das leibliche Wohl war gesorgt, während der AvD sich bei Bedarf darum bemühte, liegen gebliebene Fahrzeuge flott zu machen, oder aber im schlimmsten Fall auf dem Abschlepper “Huckepack” zu nehmen.

Der Fluch der Lichtschranke

 

 

Damit man nicht ziellos durch die Gegend fährt, bereiten die Veranstalter für jedes Team ein Roadbook vor. Der Beifahrer liest Seite für Seite nach verschiedenen “Chinesenzeichen” vor, ob der Fahrer gerade rechts, links oder gerade aus fahren soll. Auch Zeitvorgaben sind für die einzelnen Abschnitte gemacht, innerhalb derer man vom Start bis Ziel einer Etappe fahren darf. Dazwischen haben die Organisatoren Hartmut und Sebastian Gröhl und ihr Team ein paar Lichtschranken gesetzt. Ob man 100 m in einer Minute zurück legen soll oder 8,5 km in 35 Minuten: Am Anfang und Ende steht besagte Lichtschranke, die millisekundengenau das eigene Scheitern dokumentiert. Besonders interessant: Die Kart-Bahn in Rathenau, auf der genug Platz für die Gleichmässigkeitsfahrer war. Die Stoppuhr wiegt den Copiloten oft in falscher Gewißheit. Man kann ein solches Unterfangen natürlich für Unsinn halten.

Diesmal mussten die Teams aber auch beim Golf-Spielen, Bogenschießen und Fragen beantworten ihre Sachkenntnis beweisen. So galt es in einer alten Interflug-Iljuschin die in der ersten Klasse servierten Rotweine zu erraten. Statt Bärenmarke, wie wir glaubten, hieß der bulgarische Rotwein jedoch “Bärenblut”.

 

Standquartier im Gut, das seinen wahren Namen nicht tragen darf.

 

 

Wer fahren kann, will auch feiern. Gut Schober bei Nauen bot dabei das richtige Ambiente. Das ehemalige Gut Borsig darf den Namen der Industriellenfamilie nicht tragen, die hier einst eine Landwirtschaft im großen Stile betrieb, mit deren Produkten man die Kantinen der eigenen Berliner Fabriken versorgte. Heute ist das Gut eine stilvoll eingerichtete gastronomische Einrichtung, wie geschaffen als Standquartier für eine solche Expedition ins Berliner Umland.

Spaß im Mittelpunkt

 

 

Natürlich waren die Teilnehmer auch stolz auf ihre Fahrzeuge. Und konnten sie bei den Berlin-Brandenburger Oldtimertagen auf der Rampe der Classic Remise einem interessierten Publikum präsentieren. Leider war die Gelegenheit mit einem zweistündigen Umweg über die Berliner Stadtstraßen verbunden, so dass man die blühenden Rapsfelder hinter sich lassen musste.

Eine solche Ausfahrt lebt von der Stimmung all derjenigen, die hier auf die Strecke gehen und dort stehen. Denn ohne die vielen Helfer und Unterstützer wäre so ein Event wie die 13. AvD rund um Berlin nicht denkbar. Und die haben genauso viel Spaß wie die Teilnehmer.

Fotoquellen: AvD-Rund um Berlin, Malte Dringenberg, Carl Christian Jancke

 

 

 

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